Die Herdplatte ist noch heiß, das Nudelwasser kocht, jemand fasst kurz an den Grillrost – und schon ist es passiert. Verbrennungen und Verbrühungen gehören zu den Verletzungen, die mir aus dem Kursalltag am vertrautesten sind, weil praktisch jeder schon einmal betroffen war oder jemanden kennt, dem es so ging. Trotzdem passieren in der ersten Minute danach oft genau die Fehler, die eine harmlose Rötung zu einer Wunde machen, die tagelang wehtut.
Erst kühlen, dann alles andere
Der wichtigste Handgriff kommt zuerst, noch vor jeder Überlegung, ob ein Arzt nötig ist: kühlen. Und zwar mit handwarmem bis kühlem, keinesfalls eiskaltem Leitungswasser, für mindestens 15 bis 20 Minuten. Das ist deutlich länger, als die meisten Leute im Kurs schätzen – viele halten nach zehn, fünfzehn Sekunden unter dem Wasserhahn wieder inne, weil der erste Schmerz nachgelassen hat. Genau das ist der Moment, in dem man weitermachen muss: Die Hitze steckt noch tiefer im Gewebe und schädigt weiter, auch wenn es sich an der Oberfläche schon besser anfühlt.
Eiswürfel oder Kühlpacks direkt auf die Haut wirken zwar sofort angenehm kalt, schädigen das ohnehin gereizte Gewebe aber zusätzlich (Erfrierung obendrauf). Immer nur mit fließendem, handwarmem bis kühlem Wasser arbeiten – nie mit Eis.
Wann man mit dem Kühlen vorsichtig sein muss
Bei großflächigen Verbrennungen, bei Säuglingen und Kleinkindern gilt: nicht großflächig und nicht zu lange kühlen. Der Körper eines Kindes kühlt viel schneller aus als der eines Erwachsenen – aus einer gut gemeinten Erste-Hilfe-Maßnahme kann sonst eine Unterkühlung werden. In diesen Fällen lieber die betroffene Stelle kurz kühlen, den Rettungsdienst rufen und das Kind ansonsten warmhalten.
Kleidung, Schmuck, Blasen – was man anfassen darf und was nicht
Lose, nicht festgeklebte Kleidung über der verbrühten Stelle sofort entfernen, damit die Hitze nicht weiter einwirkt – am besten während des Kühlens. Ringe, Uhren oder enge Armbänder ebenfalls abnehmen, solange es noch geht, denn die Haut schwillt danach an.
Klebt die Kleidung fest mit der Haut zusammen, lässt man sie dort. Daran ziehen reißt die verbrannte Haut mit ab. Ebenso wichtig: Brandblasen werden nicht aufgestochen. Sie sind der natürliche Schutz der darunterliegenden Wunde vor Keimen – öffnet man sie, hat man plötzlich eine offene, stark infektionsgefährdete Fläche.
Viele wollen die Wunde nach dem Kühlen möglichst schnell "sicher" versorgen und legen sofort einen festen, engen Verband an. Genau das ist ungünstig: Die Haut schwillt in den Stunden danach noch weiter an, ein zu enger Verband schnürt dann ab. Locker mit einem sterilen, keimarmen Tuch oder speziellem Verbandsmaterial (Metalline) abdecken reicht – nicht straff wickeln.
Die Hausmittel, die im Kurs garantiert zur Sprache kommen
Kaum ein Thema löst so zuverlässig Diskussionen aus wie die Frage nach Hausmitteln. Mehl, Butter, Öl, Zahnpasta, Quark – irgendjemand hat davon fast immer schon gehört, meistens von den Großeltern. Das Problem: Alle diese Mittel bilden eine Schicht auf der Wunde, unter der sich die Hitze staut, statt zu entweichen. Zahnpasta und ähnliche Mittel mit ätherischen Zusätzen können die Haut zusätzlich reizen. Und jede Fettschicht muss später beim Arzt erst mühsam wieder entfernt werden, bevor die eigentliche Wunde überhaupt beurteilt werden kann. Die einzige Substanz, die auf eine frische Verbrennung gehört, ist Wasser.
Wie schlimm ist es – und wann muss ich zum Arzt oder zur 112?
Verbrennungen werden in vier Grade eingeteilt, aber im Ernstfall reicht meist eine grobe Einschätzung:
| Grad | Aussehen | Vorgehen |
|---|---|---|
| 1. Grad | Rötung, Schmerz, keine Blasen (wie Sonnenbrand) | Kühlen reicht meist aus |
| 2. Grad | Blasenbildung, nässend, starke Schmerzen | Kühlen, locker abdecken, ärztlich abklären lassen |
| 3. Grad | Weißlich-grau oder lederartig, oft kaum Schmerz (Nerven zerstört) | Sofort 112 rufen |
| 4. Grad | Verkohlt, reicht bis Muskeln/Knochen | Sofort 112 rufen, lebensbedrohlich |
Eine praktische Faustregel aus dem Kurs: Die eigene Handfläche der betroffenen Person entspricht ungefähr einem Prozent ihrer Körperoberfläche. So lässt sich auf einen Blick abschätzen, wie großflächig eine Verbrennung wirklich ist.
- Verbrennungen ab dem 2. Grad, die größer sind als die Handfläche der betroffenen Person
- Verbrennungen im Gesicht, an Händen, Füßen, Genitalien oder über großen Gelenken
- jeder Verbrennung 3. oder 4. Grades, unabhängig von der Größe
- Verbrennungen bei Säuglingen und Kleinkindern – hier lieber einmal zu oft anrufen als zu selten
- Anzeichen eines Schocks: Blässe, kalter Schweiß, schneller Puls, Unruhe
- Verbrennungen durch Strom oder Chemikalien – diese sind oft tiefer, als sie von außen aussehen
Der Herbst bringt eigene Risiken mit
Wenn die Grillsaison ausklingt, übernehmen andere Auslöser: Kerzen, Teelichter, Ofenrohre, der heiße Tee oder Kakao, der schnell umgestoßen ist, wenn kleine Kinder am Tisch sitzen. Verbrühungen durch heiße Getränke sind bei Kleinkindern eine der häufigsten Ursachen für Verbrennungsverletzungen überhaupt – ein Tässchen reicht dafür bereits aus, wenn es über die dünne Kinderhaut läuft. Tassen und Töpfe mit heißem Inhalt gehören deshalb grundsätzlich außer Reichweite von Kindern, mit dem Henkel nach hinten zur Wand.
Häufig gestellte Fragen
Darf ich eine Brandblase selbst aufstechen, um sie "sauberer" zu machen?
Nein. Die Blase schützt die Wunde darunter. Wird sie geöffnet, entsteht eine offene Fläche, über die Keime eindringen können. Lieber locker abdecken und, falls nötig, den Arzt entscheiden lassen.
Wie lange genau muss ich kühlen?
Mindestens 15 bis 20 Minuten mit handwarmem bis kühlem, fließendem Wasser – auch wenn der Schmerz vorher schon nachlässt. Bei Säuglingen, Kleinkindern und großflächigen Verbrennungen kürzer kühlen, um eine Unterkühlung zu vermeiden, und stattdessen zügig den Rettungsdienst rufen.
Ist eine Verbrühung durch heißes Wasser weniger schlimm als eine Verbrennung durch Feuer?
Nicht unbedingt. Entscheidend ist, wie heiß die Substanz war und wie lange sie eingewirkt hat – nicht ob Flamme oder Flüssigkeit die Ursache war. Kochendes Wasser oder heißes Fett können ebenso tiefe Verletzungen verursachen wie eine offene Flamme.
Reicht ein Pflaster aus der Hausapotheke?
Bei kleinen, oberflächlichen Verbrennungen 1. Grades ja, sobald ausreichend gekühlt wurde. Ab Blasenbildung oder größerer Fläche sollte eine sterile, lockere Wundauflage verwendet werden und die Wunde ärztlich beurteilt werden.
Am Ende zählt vor allem eines
Bei Verbrennungen macht man in der Praxis selten etwas fundamental falsch, sondern hört meist zu früh mit dem Kühlen auf oder greift zu einem Hausmittel, das gut gemeint, aber kontraproduktiv ist. Wer sich die zwei Kernregeln merkt – lange genug mit Wasser kühlen, keine Fette oder Hausmittel auf die Wunde – ist im Ernstfall schon deutlich sicherer unterwegs, als es sich anfühlt.
Wer solche Handgriffe nicht nur lesen, sondern einmal unter Anleitung üben möchte, ist bei uns jeden Samstag an der VHS Hildesheim willkommen. Fragen dazu beantworte ich auch gerne vorab telefonisch.